Antifaunited

Against increasing racism and the contempt for mankind in Germany and Europe, against Peoplephobie, against criticism prohibitions, against Nazis

Autonome Nationalisten – Mehr als eine Randerscheinung

Posted by Botschaft - 02/09/2008

Das Phänomen eines „autonom-nationalistischen Blocks“ sei ihm bisher nur aus den neuen Bundesländern bekannt gewesen, so Hamburgs Polizeipräsident Werner Jantosch nach den Ausschreitungen am 1. Mai in der Hansestadt. Sein Staatsschatz hatte vor dem Aufmarsch mit etwa 200 „Autonomen Nationalisten“ (AN) gerechnet; an deren „Schwarzem Block“ beteiligten sich aber etwa 400 Neonazis. Nicht auf der Höhe der Zeit war lange Zeit auch der Verfassungsschutz. Noch im Mai 2007 betitelte man eine Broschüre mit „Autonome Nationalisten; eine militante Randgruppe“, erst jetzt beginnt man das Phänomenen ernst zu nehmen und spricht von einer „Entwicklung, die man sehr genau im Auge behalten muß“.
Antifaschist-innen hingegen wiesen schon seit längerem darauf hin, daß der sich besonders radikal und militant gebende Flügel der „Freien Kameradschaften“ einen der wichtigsten Faktoren der Neonaziszene darstellt – Tendenz steigend. Berliner Neonazis waren maßgeblich an der Ausbildung dieses Szeneflügels beteiligt, und auch in Thüringen erfreut sich das Konzept großer Beliebtheit. Die meisten Vertreter der AN kommen aber aus dem Westen, insbesondere aus NRW. Dort stellen sie seit etwa zwei Jahren den Großteil der neonazistischen Aktivisten.

Entstehung
Bereits Mitte der 1990er Jahre – nach dem Verbot zahlreicher neonazistischer Organisationen tauchte der Begriff der „Autonomen Nationalisten“ in Diskussionen der extremen Rechten auf. In einem „Autonom-Nationalistischen Manifest“ konzentrierte man sich aber mehr auf in Zellenform organisierte, militant-terrroristische Kleingruppen als auf die Übernahme linker Ästhetik und Aktionen. Als „Autonome Nationalisten“ bezeichneten sich einige NRW-Neonazis bereits 1995: Nach dem Verbot der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei 1995 waren es ehemalige FAP-Aktivisten um Dieter Riefling, die zuerst unter dem Label Kameradschaft Recklinghausen, später dann als Autonom-Nationalistische Zelle bzw. „Autonome Nationalisten“ ihre Aktivitäten fortsetzten.
Im Zuge der Ausbildung der Freien Kameradschaften zur zentralen Organisationsform neben der NPD wurde in der Folge aber zunächst die von Führungskadern wie Christian Worch und Thomas Wulff geprägte Eigenbezeichnung als „Freie Nationalisten“ oder später auch „Freie Kräfte“ populär. Mit Parolen wie „Organisierter Wille braucht keine Partei!“ verstanden sich die „Freien“ zunächst allgemein als Gegenmodell zur parteiförmigen Organisierung. Der Eintritt prominenter „freier“ Führungspersonen wie Wulff, Thorsten Heise und Ralph Tegethoff in die NPD brachte Teile der „Freien“ dazu, sich noch deutlicher vom Konzept Partei abzugrenzen. Seit 2002 bezeichnen sich einzelne Gruppen aus diesem Spektrum in expliziter Ablehnung der als reformistisch verachteten NPD und der mit ihr kooperierenden „Freien Nationalisten“ als „Autonome Nationalisten“. Zumindest in NRW ist dieser Ableger zur Zeit tonangebend. Neben der Abgrenzung gegenüber extrem rechten Parteien konstruieren die AN ihre Identität vor allem aus zwei Faktoren: ihrem „Style“ und ihren Aktionsformen. Dabei- orientieren sie sich stark an der jugendkulturell geprägten linken Szene, mit teilweise skurrilem Ergebnis: In Berlin wurde einer Gruppe „Autonomer Nationalisten“ ihr Äußeres bereits zum Verhängnis; sie wurden von anderen Neonazis für Linke gehalten und verprügelt.

Style
Ihr äußeres Auftreten ist das wohl auffälligste Merkmal der AN, unterscheiden sich die „Autonomen Nationalisten“ in diesem Punkt doch fundamental vom Großteil der extremen Rechten. Wenn sie nicht gerade im „Black Block“ unterwegs sind, kleiden sich die meisten Protagonisten der AN orientiert am Style alternativer Jugendlicher in trendiger Streetwear, wie sie in der Skate- und HardcoreSzene, aber auch der Antifa en vogue ist: Cargo-Hosen, buttongespickte Caps und Marken Turnschuhe bestimmen das Bild. Die Schriftzüge auf Transparenten und T-Shirts erinnern teilweise an HipHop; Flugblätter und Internetseiten werden ästhetisch dem Stil antifaschistischer Gruppen angepasst, linke Insignien werden modifiziert, völkisch besetzt und insgesamt linke Symbolik kopiert. Mittels dieses Auftretens besteht die Möglichkeit sozusagen unerkannt, da dem bekannten Bild des ‚Faschisten‘ entgegen laufend, in die bisher von gegnerischen Lagern beherrschte Gebiete vorzudringen, politisch und kulturell“, so der Führungskader Axel Reitz. Altbacken wirkende, altdeutsche Schriftarten sind verschwunden, stattdessen bedient man sich modisch wirkender Schriften und hat auch keinerlei Berührungsängste gegenüber Anglizismen. Statt klassischem RechtsRock oder gar Marschmusik werden bei Aufmärschen Lieder aus dem Bereich des Deutschpop und sogar des Punk oder Hardcore gewählt, des Öfteren auch von Bands, die eigentlich eher als „links“ gelten. Auf diese Weise versucht man, durch ein trendiges und zugleich alternativ-rebellisch wirkendes Erscheinungsbild gezielt Jugendliche anzusprechen: „Für uns ist es nicht wichtig, welche Kleidung man trägt oder wie lang die Haare sind, was zählt ist der Einsatz für Deutschland… Heute gibt es in nahezu jeder Jugendkultur Personen, die sich als Nationalisten verstehen“, wirbt denn auch die „rechtsautonome“ AG Rheinland. Wer immer noch glaube, dass er Springerstiefel und Bomberjacken tragen müsse, um bei den Nazis der Gegenwart mitzumachen, irre sich. Man versuche stattdessen, alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren“, erklärten die Autonomen Nationalisten Wuppertal / Mettmann. Dieses großspurige Ansinnen entspricht natürlich mehr einem Wunschdenken, als dass es sich 1:1 in die Realität umsetzen ließe. Vielmehr grenzt man sich damit bewußt von der Skinheadszene ab und inszeniert sich als vermeintliche Avantgarde. Als „jung, rebellisch, revolutionär“ oder auch „autonom, radikal, national“ präsentiert sich z.B. die AG Rheinland. Kein Wunder, dass dieser radikale Stilbruch, verbunden mit dem selbstbewußten Auftreten als neue Speerspitze der Bewegung, bei etablierten Kräften in der Szene auf Ablehnung trifft.

Aktion
In ihrem Streben nach einem zeitgemäßen, revolutionären Habitus beziehen sich die „Autonomen Nationalisten“ auch in ihrem öffentlichen Auftreten und ihren Aktionsformen mehr oder weniger offen auf Praktiken der autonomen Linken. Man versucht, Festnahmen zu verhindern, führt Sitzblockaden durch, um die Freilassung von Gesinnungsgenossen zu erreichen, organisiert auch militante – Gegenaktivitäten gegen linke Demonstrationen und Veranstaltungen.
Ganz im Stil alternativer Jugendszenen wird versucht, mittels Sprühschablonen und Graffiti nicht nur Inhalte zu verbreiten, sondern vor allem den Eindruck von Aktionismus und Erlebnisorientierung zu vermitteln. „Graffitis sprühen, unangepasst und ‚hip’sein können nicht nur die Antifatzkes, sondern auch wir, damit erreichen wir ein Klientel welches uns bis dato verschlossen geblieben ist“, so Reitz. Videos von Aufmärschen, Sprühaktionen und dem nächtlichen Verteilen von Flugblättern und dem Verkleben von Plakaten und Aufklebern sollen Interesse wecken und das Bild einer „coolen“, ansprechenden „Jugendkultur“ abgeben. Die massive Markierung des öffentlichen Raums durch Aufkleber und Wandparolen ist zudem Ausdruck des starken Bedürfnisses, im Alltag Dominanz zu suggerieren.
Parallel zur Orientierung an Style und Aktion der antifaschistischen Szene wird gewalttätigem Handeln gegen diese in der politischen Praxis der AN häufig ein hoher Stellenwert eingeräumt. Dieses äußert sich in zahlreichen, geplanten und spontanen Überfällen auf vermeintliche oder tatsächliche Linke, alternative Kneipen und linke Veranstaltungen. Gewalt gegenüber dem politischen Gegner besitzt, auch im Alltag, für das Selbstverständnis vieler AN anscheinend ein große Rolle.

Aus der Erfahrung mit internen Streitigkeiten, Repression und nicht zuletzt abgeschaut vom politischen Gegner, ruft man dazu auf, nach dem „Do it yourself“-Prinzip zu handeln: Ihr benötigt eine Fahne? Näht sie selbst! Ihr braucht ein Flugblatt zur Überfremdung? Macht es selber oder fragt Kameraden in der Umgebung!“, heißt es in einem „DIY-Leitfaden“. Man wolle weg von führungsausgerichteter Gruppenbildung“. Daher solle jeder (vertrauenswürdige) Aktivist in einer Gruppe maßgeblich an Aktionen, Planungen, Ideeneinbringung und ähnlichem beteiligt sein“. In der Praxis ist eine Umsetzung dieses Prinzips jedoch nur in Teilen zu beobachten: Zwar werden jüngere Neonazis bei Aktivitäten einbezogen, doch es sind nach wie vor dieselben Führungskader, die das Sagen haben.

Black Block
Bei Aufmärschen treten die AN besonders radikal auf und suchen schwarz vermummt die Konfrontation mit Polizei und Antifaschistinnen. Im Vorfeld einer rechten 1.-Mai-Demo 2004 in Berlin wurde die Nützlichkeit eines „Schwarzen Blocks“ so erklärt: „Der gewaltfreie, friedliche Kampf hat fast 60 Jahre stattgefunden und wir haben nichts erreicht. Es ist unverantwortlich, wenn heute noch Kameraden davon reden, absolut und situationsunabhängig gewaltfrei zu bleiben.“ Die Wunschvorstellung eines geschlossenen und militanten Auftretens vermummter Neonazis geistert seit jenem gescheiterten NPD-Aufmarsch durch Teile der Neonazi-Szene. In einem kurz darauf veröffentlichten Konzeptpapier hieß es, der „nationale schwarze Block“ solle eigenständig, offensiv und entschloss-sen gegen „Polizei-Willkür“ agieren,sprich: sich Auseinandersetzungen mit der Polizei liefern und gegen politische Gegner vorgehen. Dieser Stil entspricht dem militanten Selbstverständnis der AN, das sie mit Parolen wie „Support your local ns black block!“ oder „Destroy this System!“ zu unterstreichen suchen. Gerade in den letzten beiden Jahren ist festzustellen, dass sich die Herausbildung eines „Schwarzen Blocks“ verstetigt hat, wie nicht zuletzt der 1. Mai 2008 in Hamburg gezeigt hat. Doch auch innerhalb der AN gab es nach Hamburg Kritik: Die heutige Jugend, die leider dank der anhaltenden Liberalisierung unserer ‚Bewegung‘ auch bei uns Eintritt erhalten hat, redet von Gewalt, stachelt sich damit auf, gibt damit an, kann sie im Notfall aber nicht konsequent durchsetzen“, so die den AN zuzurechnenden Freien Nationalisten Gladbeck. Denn was die meisten AN gerne verschweigen: Der neonazistische schwarze Mob ist meist nicht viel mehr als pseudo-militant. „So wird provoziert, geschrien, Steine geworfen, und wenn 300 Antifaschisten Steine und Äste in den Zug rammen, sitzen 85% der anwesenden ,Kameraden‘ kauernd in der Ecke“, so die FN Gladbeck.

Ideologie
Die Modernisierungstendenzen beschränken sich im Wesentlichen auf das Äußere und die Wahl der Aktionsformen. Ideologisch steht auch für die „Autonomen Nationalisten“ das Bekenntnis zu Volk, Rasse und Nation weiter im Zentrum. Zwar haben Vertreter der AN wie der Dortmunder Alexander Deptolla mit der AG Tierrecht neue Themen besetzt, an den ideologischen Grundfesten wird aber nicht gerüttelt.
Nicht geduldet werden könne eine „Verwischung Jahrzehnte langer politischer Manifeste“, schreiben in der AG Ruhr-Mitte organisierte Gruppen in einer Stellungnahme mit dem Titel „Verfälschung und kontraproduktive Erneuerungen“ vom April dieses Jahres. Die Grundüberzeugungen des
Nationalsozialismus bilden nach wie vor den inhaltlichen Kern: „Es gibt, und wird ewig, nur einen wahren Nationalen Sozialismus geben. Als Weltanschauung entwickelt sich dieser selbstständig weiter, modernisiert sich bezüglich der Aktionsgebiete, basiert aber weiterhin auf den grundlegenden Leitsätzen, die einst in eindeutigen Schriften und Büchern festgelegt wurden.“ Man hat kein Problem damit, als Nazis bezeichnet zu werden: Antifaschistinnen sprächen immer von einem „Nazi-Problem“ in Dortmund. „Richtig müsste es heißen: Dortmund hat Nazis, aber kein Problem damit“, erklärte Dennis Giemsch, einer der führenden AN-Vertreter, in einem Leserbrief. Ideologischer Kern bleibt das Ideal einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. „Glaubt es einfach, hier steht nicht nur ‚Nationale Sozialisten‘ drauf, hier sind auch nationale Sozialisten drinne“, entgegneten AN gegenüber kritischen Kameraden.
Auch wenn sich die meisten AN-Gruppen aus NRW zuletzt kritisch gegenüber „Querfront“-Strategien äußerten, so diskutierten zumindest Dortmunder ANler nach dem Mord am Punk Thomas „Schmuddel“ Schulz einen Aufruf an alle dortmunder antiimperialistischen antifaschisten“. Darin sollten diese aufgefordert werden, sich den AN anzuschließen: „laßt uns gemeinsam gegen den wahren feind kämpfen! zusammen sind wir eine macht!“ „Querfront“-Ambitionen dokumentiert auch der T-Shirt-Aufdruck „Autonome Nationalisten. Bald gibt es kein ‚rechts‘ oder ‚links‘ mehr! Dann gibt es nur noch das System und seine Feinde“.

Themen
Eine nationalistische Besetzung der sozialen Frage und die Agitation gegen die Globalisierung sind zwei der zentralen Themen der AN. Im Vorfeld des vor allem von AN-Strukturen organisierten Aufmarsches am 1. Mai 2007 in Dortmund hieß es, „politische Schlagworte wie links und rechts“ hätten im kapitalistischen Alltag an Schärfe verloren: „Das Kapital kassiert, das Volk blutet!“ Der „nationale und sozialistische Widerstand“ stehe für einen „konsequenten Angriff auf die Interessen des Kapitals“. Statt einer umfassenden Kapitalismuskritik liefert die vermeintliche „Analyse“ jedoch nur die aus dem historischen NS hinlänglich bekannten Feindbilder. Neben einer antisemitisch und rassistisch aufgeladenen Agitation gegen den Kapitalismus haben gerade die NRW-Kameraden sich dem Kampf gegen Israel und die USA verschrieben. Dortmunder AN-Strukturen versuchen seit 2005, den Antikriegstag mit einem gegen Israel und die USA gerichteten Aufmarsch als festen Termin im Aktionskalender der Neonaziszene zu verankern. Doch auch traditionelle Themen werden bearbeitet. Mit dem Aufkommen der AN haben die „Anti-Antifa“Bestrebungen in der Szene neuen Aufwind bekommen“ ob Foto- oder Videodokumentation antifaschistischer Demonstrationen, Gegenaktionen, Bedrohungen und gewalttätige Angriffe. Aktuell widmet man sich mit der Kampagne „Hol dir deine Stadt zurück – Gegen Moscheebau, Ausländerwahlrecht und Multikultur!“ einem klassischen Thema der extremen Rechten.

Einschätzung
In einer Zeit, in der jedes Wochenende irgendwo neonazistische Demonstrationen stattfinden, haben viele jüngere Neonazis das Interesse an langweiligen „Latschdemos“ verloren. Subjektive Erfolgserlebnisse sind ihnen wichtiger als die Vermittlung politischer Inhalte. Den „Autonomen Nationalisten“ gelingt es, durch ihr Kräftemessen mit Polizei wie Gegendemonstrantlnnen wieder einen spürbaren Eventcharakter zu bieten der „Black Block“ als Teil der jugendlich-neonazistischen Erlebniswelt. Das pseudo-revolutionäre Gehabe, gepaart mit dem Auftreten als nicht auf Außenwirkung bedachter, extrem rechter Bürgerschreck, ist jedoch kaumin Einklang zu bringen mit dem Bestreben, sich „langfristig in der Mitte der Gesellschaft und bei der Mehrheit der deutschen Bürger [zu] verankern und sie mit unserer politischen Ideologie [zu] überzeugen“, wie es z.B. die AG Rheinland propagiert. Dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis zeigt sich auch in den Publikationen: Während man einerseits unscheinbar gestaltete Flyer mit zumindest sprachlich zurückhaltend gehaltenen Aussagen verteilt, verklebt man andererseits wiederum Aufkleber, die von Militanzfetischismus geprägt sind und zur Gewalt gegen Linke aufrufen.
Ob es den AN gelingen wird, sich langfristig in der Neonaziszene zu behaupten, dürfte nicht nur von Verhalten und Zukunft der NPD und der restlichen Szene abhängen, sondern vor allem davon, ob sich das Interesse der Einzelnen auch bei zunehmendem Widerstand und Repression hält. Einiges Konfliktpotenzial birgt auch die Militanzfrage. Interessant für die zukünftige Ausrichtung dürfte unter anderem der geplante Aufmarsch am 6. September 2008 in Dortmund sein, gilt die Westfalenmetropole doch als Hochburg der „Autonomen Nationalisten“.
Nicht nur angesichts der zunehmenden szeneinternen Auseinandersetzungen über solche Adaptionen linker subkultureller sowie modisch trendorientierter Ausdrucksformen stellt sich zudem die grundsätzliche Frage, wie weit das Spiel politischer Mimikry gespielt werden kann, ohne das eigene Beharren auf eine nationalsozialistische Identität ad absurdum zu führen. Denn zu der Frage nach der Modernisierungsfähigkeit faschistischer Ästhetik gesellt sich die Frage nach der inhaltlichen Anschlussfähigkeit solcher flexiblen Identitätsspiele an ein faschistisches Weltbild, das geprägt ist von einem völkisch-biologistisch hergeleiteten Verständnis von Identität. Ebenso widersprechen modische und propagandistische Inszenierungen unter anglisierten Ausdrucksformen dem Anspruch auf „Rettung des Deutschen Volkes“: Neonazis, die mit Nike Turnschuhen und Caps ausgestattet „smash the System“ im Graffiti-Style an Häuserwände sprühen, um gegen einen angeblich deutschfeindlichen „one world“-Imperialismus zu demonstrieren, machen sich selbst lächerlich. Denn die Übernahme einer solchen multikulturellen Patchworkidentität demontiert zugleich praktisch das eigene Authentizitätsbeharren auf eine völkisch-nationale Identität.

Unter diesem Blickwinkel könnte das Gehabe der AN als antagonistische Ausdifferenzierung in der neonazistischen Szene gedeutet werden, die möglicherweise das Ende eines bislang noch gemeinsam gepflegten Selbstverständnisses einläutet. Als Anzeichen hierfür kann eine Diskussion gesehen werden, welche die Szene zurzeit umtreibt: Während die AN in der Regel massiv gegen Israel hetzten und sich mit islamistischen Terrorgruppen solidarisieren, präsentieren sich einzelne „Autonome Nationalisten“, die sich im Kampf gegen islamistischen Terror und den Islam an der Seite Israels wähnen, als „Nationale Sozialisten für Israel“ . Diese wiederum sehen sich selbst auch als „Proisraelisch“, Proamerikanisch“ und werben auch mit dem Spruch „Für Demokratie und Menschenrechte“.

Dazu passend: Neues Outfit, alter Hass

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