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Dokumente der Menschenwürde

Posted by Botschaft - 01/11/2008

Innenansichten aus Afghanistan beim Leipziger Dokumentarfilmfestival

Festival Das diesjährige Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK Leipzig, noch bis zum 2. November) bot mit seinem Programmteil »Afghanistan – Innenansichten« Einblicke in das Leben des Landes, wie sie in unseren Medien nicht vorkommen.

Dieses Filmprogramm von DOK Leipzig 2008 war brisant, aufsehenerregend, spannend und zur Überraschung aller von Beginn an ein echter Publikumsknüller. Und der Titel hielt durchweg, was er versprach. Es bot 15 Dokumentarfilme von je durchschnittlich 25 Minuten Länge, allesamt von afghanischen Filmemachern gedreht, unter ihnen auffallend viele Frauen. Die Authentizität der Innenbilder war afghanisch pur – und nicht von »außen«, nicht westlich oder gar europäisch. Sie ignorierten allen folkloristisch-ethnologischen Voyeurismus. Und diese Authentizität auf jedem Filmmeter zog die zahlreichen Zuschauer sofort in ihren Bann.

Die Filmemacher sind alle um die 30 Jahre alt, sind Autodidakten und bezeichnen sich als Kriegskinder. Sie ziehen – auch in den Filmen – eine Generationenlinie über König, beginnende Liberalisierung, sowjetische Besatzungszeit und kommunistisches Zwischenspiel bis zu den schlimmen Taliban-Jahren und der mittlerweile begonnenen Demokratisierung. Dahinein verweben sie brennend aktuelle Auseinandersetzungen und Verwerfungen: die äußerst komplexen religiösen Verwicklungen, die komplizierte Lage der Frauen, die von unglaublich patriarchalischem Verhalten und Denken bestimmt wird und die sich nur langsam ändert. Ehe- und Scheidungsrecht sind noch immer von religiösen Grundsätzen bestimmt. Die ständigen Gefahren von Anschlägen und die unberechenbare Sicherheitslage – Instabilität, wohin die Filmemacher blicken.

Die Filme meiden Probleme, die dem westlichen Zuschauer via Medien eher bekannt sind: Mohnfelder, Drogen, Kriminalität, Cliquenwirtschaft. Man sieht kaum Hilfsorganisationen, keine ausländischen Militärs, auch deutsche nicht, selten mal zerstörtes sowjetisches Kriegsgerät am Straßenrand. Peter Strucks Hindukusch bleibt ein Gebirgszug.

Das Filmporträt über die einzige Staatsanwältin Afghanistans in »Half Value Life« (Alka Sadat) bietet ein sehr lebendiges, mutiges Beispiel. Den Tages- und Amtsablauf der Frau untersetzt die Regisseurin mit stummen Szenen eines armen Mädchens, das im Kofferradio den O-Tönen der Anwältin lauscht: Die verhört schonungslos Männer, die ihre Ehefrauen demütigen und schlagen. Diese zweite Ebene multipliziert unaufdringlich und überzeugend die ultimativ emanzipatorische Botschaft des Films.

Dazu passt Shakiba Adils Spurensuche »Zakia Did Stand Up«: Zakia Zaki war Frauenrechtlerin und Leiterin eines unabhängigen Frauenrechts-Senders und wurde 2007 ermordet. Adil sucht nach den Hintergründen des Mordes, der das Muster vieler politischer Morde an engagierten Polit-Frauen à la Politkowskaja aufweist. Noch origineller und noch eindringlicher: »Mesh« von Aarzo Buhani, eine flotte Reportage, in der die Filmemacherin Afghanen auf Kabuler Straßen nach Bequemlichkeit, Nutzen, Mode und Geschichte der Burka fragt, jenes alles verhüllenden, stoffreichen Kleidungsstücks, das nur ein kleines Gitterloch zum Sprechen lässt. Ein Baby auf dem Arm einer Burka-Trägerin stupst immer wieder nach der Nase der Mutter unter dem Gitter und bietet schlaglichtartig eine großartige optische Verfremdung der religiös grundierten Ganzkörper-Maskierung an.

Viele Bilder von Kindern, oft im Elend aufwachsend, lernbegierig, munter, hoffnungsvoll. Die Kabuler »Straßenvögel« (in dem Film »Bulbul« von Reza Hosseini Yamak) waschen Autos auf der Straße und verdienen sich ein paar Rupien, mit denen sie auch ihre Familien unterstützen. »Ich war selbst ein solches Straßenkind«, sagt der Regisseur. »Sie gehören zur Unterschicht, und ich möchte Menschen aus dieser Unterschicht zeigen.« Lebhafte Lern- und Schulszenen, die den enormen Bildungsbedarf des Lands andeuten. Daneben Kinderausbeutung in einer Teppichweberei »Sahar, the Young Carpet Maker« von Taj Mohamad Bakhtari, Teil einer Fernsehserie, die mit französischer Hilfe produziert wird.

Nach filmischen Kunstfertigkeiten möchte man angesichts solcher massiver Realitäten aus einem fernen Land nicht gucken: Das Dokument ist der Wert, die scharfe soziale Aufmerksamkeit für Menschenrecht und Menschenwürde zählt. Das Krakauer Dok-Film-Festival, über viele Jahre produktiver Korrespondent des Leipziger Dok-Film-Festivals, wird in zwei Wochen das Afghanistan-Filmpaket nachspielen. Dann versickern die Filme. Ein Jammer. Aber man weiß wenigstens, dass es solche Filme und solche Filmemacher gibt.

DOK Leipzig

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