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Gregor Joseph Adolf Pol Pot Gysi, oder: Wie die BILD Geschichte ins “rechte” Licht rückt

Posted by Botschaft - 06/12/2008

Es hat natürlich gar keinen Zweck, sich über Äußerungen der BILD-„Zeitung“ überhaupt aufzuregen. BILD-„Zeitung“ „lesen“ doch nur Leute, die es nicht anders verdient haben. Ihr BILD-„Zeitungs“-„Journalisten“ könnt euch wirklich auf den Kopf stellen, euer Geschreibsel interessiert nur Leute, die entweder ein ernsthaftes Problem mit rudimentärstem Textverständnis oder ein ähnlich gestörtes Verhältnis zur Realität haben – wie ihr. Wie anders ist es sonst zu erklären, was Dr. Nicolaus Fest in seiner aktuellen Kolumne „Hieb und StichFest“ (und das kann nur ironisch gemeint sein, wenn Herr Dr. Fest, den Artikel, den er versucht zu verreissen, tatsächlich gelesen hat) mit dem Gysi-Portrait der ZEIT anstellt? Herr Dr. Fest wirft der ZEIT nämlich vor, sie würde die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung umschreiben. Diesen Intention meint Herr Dr. Fest aus ZEIT-Redakteurs Christoph Dieckmanns Sätzen:

„Gysis größtes Verdienst betrifft die deutsche Einheit. Es ist ihm maßgeblich zu verdanken, dass eine enorme Menge der staatsnahen DDR-Bevölkerung sich zur parlamentarischen Demokratie überreden ließ,“

herauslesen zu können. Fest erwidert darauf:

„Aha. So war das also. Die Demonstranten in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin wollten zunächst gar nicht die parlamentarische Demokratie, wollten kein selbst bestimmtes, ungegängeltes „Leben der Anderen“.

Herr Dr. Fest, die Rede ist von der staatsnahen Bevölkerung. Für Sie noch mal zu Erklärung: Staatsnahe Bevölkerung, also SED-Mitglieder, protestierten im Allgemeinen nicht auf Montagsdemonstrationen gegen den Staat. Wirklich hieb- und stichfest, Ihre „Argumentation“, Herr Fest. Christoph Dieckmann hat klar zum Ausdruck gebracht, was er meint, er schreibt im folgenden:

„Die SED hatte vor der Wende 2,3 Millionen (Mitglieder). Sie befehligte noch Armee, Polizei, Geheimdienst, als ihr im Dezember 1989, kurz vor Mitternacht, ein kurioser Heiland geboren wurde. Nur in tiefster Krise konnte dieser intellektuelle Entertainer Honecker und Krenz (als Parteivorsitzender) beerben. Frisch gewählt, schwenkte Gysi statt Blumen einen Besen, verhieß demokratischen Kehraus – und half der PDS gewordenen SED, ihr Parteivermögen zu retten.“

Und was drehen Sie daraus, Herr Dr. Fest?

„In Wahrheit waren sie, […] gar nicht sicher, ob sie ihre verfallenden Städte, die Fürsorge der Stasi […] tatsächlich gegen Reise- und Meinungsfreiheit, D-Mark und Rechtstaatlichkeit eintauschen sollten. Lange schwankten sie, […] ob sie das Grau ihrer Häuser wie ihres staatlich überwachten Lebens den Billionensubventionen der alten Bundesländer opfern sollten. Doch dann wurde ihnen, so Dieckmann, „im Dezember 1989, kurz vor Mitternacht, ein kurioser Heiland geboren“ – Gregor Gysi. Erst dieser Heiland nahm das schwankende Volk an die Hand und überredete es, den Weg ins neue, wenn auch kapitalistische und daher keineswegs gelobte Land mal zu versuchen. Das ist nun zugegebenermaßen eine Deutung der Wiedervereinigung, die man außerhalb der ZEIT noch nie lesen konnte.“

Herr Dr. Fest, in der ZEIT steht von Ihren soeben zusammenphantasierten Absurditäten nicht das Geringste. Christoph Dieckmann bezeichnet Gysi als „Heiland“ der SED/PDS und selbstverständlich nicht der DDR-Bevölkerung. Die nicht-staatsnahe DDR-Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt nämlich weder von Herrn Gysi noch von der SED/PDS sonderlich begeistert, wie es bei Dieckmann auch ganz deutlich steht:

„Im Volkskammer-Wahlkampf hielt er der Ost-Wut stand, ließ sich bedrohen und mit Kuhglocken niederläuten. Dank Gysi errang die PDS am 18. März 1990 bei den freien Wahlen 16,3 Prozent.“

Von „Billionensubventionen der alten Bundesländer“ war im Dezember 1989 noch keine Rede, Herr Dr. Fest – ganz davon abgesehen, dass Sie damit den Ossis das Verdienst an „ihrer“ friedlichen, demokratischen Wende 1989 komplett streitig machen, indem Sie ein rein monetäres Motiv unterstellen. Niemand wusste damals, wie es weitergehen würde. Oder sind Ihre Kenntnisse neuerer Geschichte ebenso rudimentär wie Ihr Textverständnis, wenn Sie nicht wissen, dass die deutsche Einheit erst mit den 4+2-Verhandlungen zwischen USA, Frankreich, Sowjetunion, Großbritannien und den beiden deutschen Staaten möglich wurde – und zwar im Frühjahr 1990?

Wenn der Leser jetzt aber glaubt, Fest hätte sein Potenzial an Absurditäten für dieses mal schon ausgeschöpft, der irrt. Denn in Fests kunterbunter Klischeekiste fehlt ja noch was: Gysi, Ossis, SED/PDS, „Das Leben der Anderen“… Stasi!

„Gysi und die Stasi-Vorwürfe, das ist ein alt vertrautes Karussell. Es kreist jahrein, jahraus. Dieselben Pferdchen kommen immer wieder vorbei,“

schreibt Dieckmann. Und da in Herrn Dr. Fests BILD-„Zeitungs“-geschulten Gehirn sich einmal ein Gedanke verfangen hat, bleibt er dabei:

„[…] Auch das ist ein Gedanke mit dem Potential, die Geschichte ganz neu zu schreiben. Auf andere Heilsbringer angewandt, ließen sich schöne neue Biographien verfassen. Stalin ohne die Karussell-Pferdchen Gulag, Deportationen und Kulackenmord; Pol Pot ohne die „killing fields“; und auch unser Adolf wäre in dieser Betrachtung vermutlich ein famoser Kerl, wenn nicht immer der Vorwurf des Judenmordes im Raum stehen würde.“

Was Stalin seine Gulags mit Millionen Toten waren, Pol Pot seine „killing fields“ und Hitler der Holocaust – dass ist Gysi seine Vergangenheit als Anwalt für DDR-Dissidenten, eine Rolle, in der er selbstverständlich Kontakte zur Stasi hatte… Was soll man dazu noch sagen? Das Beste wäre wohl: Ach, es ist ja bloß die BILD…

„Zum allerersten Mal seit 1949 existiere ein nennenswertes Bedürfnis nach einer politischen Kraft links von der Sozialdemokratie. In der alten Bundesrepublik sei das ja nicht nötig gewesen. Es gab den rheinischen Kapitalismus, sagt Gysi, das war ein Sozialstaatskompromiss, geformt in der Systemauseinandersetzung mit der DDR. Er war demokratisch, er fand Lösungen auch für Arbeitslose, Kranke, Rentner. Alle hatten am Aufschwung teil. Das ist spätestens seit Schröder vorbei,“

zitiert ZEIT-Redakteur Dieckmann Gysi. Und hier liegt der eigentliche Grund für BILD-Kolumnist Fests tatsachenverdrehendes Geschwafel. Zu Zeiten des Kalten Krieges befand sich der „Westen“ in System-Konkurrenz mit dem „Osten“ und zeigte deshalb – insbesondere im „Frontstaat“ Bundesrepublik Deutschland – seiner Bevölkerung, auf deren Unterstützung er angewiesen war, ein freundliches, fürsorgliches, wohlfahrtsstaatliches Antlitz. Nach Ende des Kalten Krieges war das nicht mehr notwendig – und die Bevölkerungsmassen der für das turbokapitalistische System ökonomisch „Überflüssigen“ werden als genau das behandelt. Dass ein neokonservativer Volksverdummer wie Dr. N. Fest das mit einer Wolke absurdester Worthülsen einzuhüllen versucht, verstehe ich ja – und breite gnädig den Mantel des Schweigens über den Rest seines „Artikels“.  (Quelle)

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