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Griechenland – Die Ursachen der Wut

Posted by Botschaft - 21/12/2008

Mitten im Stadtteil Exarchia

Ein Ort der Zerstörung. Unfassbar für Periklis Korovessis: Der 67-jährige arbeitet als Schriftsteller und Dramaturg. Auch er ist ein Teil des griechischen Systems. Er vertritt das kleine linksgerichtete Bündnis Syriza als Abgeordneter im griechischen Parlament. Vor 40 Jahren, als junger Erwachsener kämpfte Periklis Korovessis gegen die Diktatur. In den Gefängnissen der griechischen Militärjunta wurde er gefoltert.

Blinde Zerstörungswut
Molotow Cocktails, Steine, Laserpistolen. Die Aggressivität, die blinde Zerstörungswut der Jugendlichen in den Straßen Athens schockieren ihn. Aber er sieht auch die Gründe für das gewalttätige Vorgehen.

Periklis Korovessis, griechischer Schriftsteller, Dramaturg und Abgeordneter:
„Das, was hier passiert ist, betrifft die ganze Gesellschaft. Da ist zunächst die große Armut, jeder fünfte Grieche lebt unter dem Existenzminimum. Da ist das schlechte Bildungssystem, das verrottete Gesundheitssystem, die marode Infrastruktur, der nicht vorhandene Umweltschutz.“
Das Polytechnikum im Zentrum Athens: Wie lange die Eliteuniversität noch besetzt bleibt, ist völlig ungewiss. Immer häufiger boykottieren Studenten und Schüler den Unterricht. Trotz hoher Qualifikation finden viele keinen entsprechenden Job. Der Bildungsetat der Regierung ist gering. In den Pisa-Studien belegen die Schüler die hinteren Ränge. Teurer Privatunterricht ist nötig, um den Zugang zur Universität zu schaffen.
„Es sind nicht nur Studenten, die Athens Universitäten besetzen. Die Jugendlichen, die immer wieder aufs Neue zuschlagen, sind meist arbeitslos, viele sind Immigranten, die des Zorns ob ihrer Situation nicht mehr Herr werden“, sagt Periklis Korovessis.
Aber: Auch Kinder aus gut situierten Familien haben die Pflastersteine in die Hand genommen. Die Verzweiflung ist überall zu spüren.

Das Fass zum Überlaufen gebracht
Periklis Korovessis:
„Das Bildungssystem ist eines der schlechtesten in Europa. Wahrscheinlich das schlechteste. Es entlässt keine gebildeten Menschen, sondern Angestellte für den Staatsdienst. Wo es keine Bildung gibt, gibt es keine Freiheit und kein Denken. Ein guter Nährboden für blinde Aggression.“
Der Tod des 15-jährigen durch die Kugel eines Polizisten hatte das Fass zum überlaufen gebracht. Davon ist auch Periklis Korovessis überzeugt. Nach wie vor gehen die Menschen auf die Straße. Friedlich demonstrieren Jugendliche vor dem griechischen Parlament. Sie fordern Reformen. Auch sie wenden sich gegen das System.

Ein total korrupter Staat
Periklis Korovessis:
„Ich glaube, Griechenland ist eines der korruptesten Länder Europas. Wir sprechen von einem total korrupten Staat. Sie stecken sich gegenseitig das Geld in die Tasche.“
Korrupt sind nicht nur die Politiker. Bestechung zieht sich durch die ganze Gesellschaft, sagt Periklis Korovessis. Das Gesundheitssystem ist marode. Die öffentlichen Krankenhäuser sind in miserablem Zustand. Patienten warten auf Operationen. Um in diesem System gut oder überhaupt behandelt zu werden ist es üblich, den Ärzten einen Umschlag mit Geld zuzustecken.

Periklis Korovessis:
„Wenn man die Gehälter der Ärzte vergleicht: Schweden, Deutschland, Frankreich, England. Dann ist der Arzt hier in Griechenland ein Proletarier. Also will er neben dem Geld, das er verdient, mehr kriegen. Und dann gibt es in der griechischen Bevölkerung die Mentalität grundsätzlich zu schmieren, es gehört zum Alltag.“

Griechenlands Zukunft ist unklar
Die Gründe für die gewalttätigen Ausschreitungen sind vielschichtig. So ist auch für Periklis Korovessis schwer abzusehen, wann die Zerstörungswut der Jugendlichen ein Ende nimmt. Die Polizei hat die Lage nur bedingt im Griff, sagt er.
Zumindest, so hofft Korovessis, werden die Ereignisse der letzten Woche die Diskussion um Griechenlands Zukunft neu entfachen. Und jeder trägt dafür Verantwortung. (BR/Weltspiegel)

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