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Against increasing racism and the contempt for mankind in Germany and Europe, against Peoplephobie, against criticism prohibitions, against Nazis

Wenn Jugendliche in die rechte Szene geraten

Posted by Botschaft - 10/01/2009

Nicht zum Jugendamt, dachte sie, da gehe ich auf keinen Fall hin. Das war das einzige, was Sabine Friedrich* damals genau wusste. Ansonsten war sie vollkommen ratlos und überfordert von der Situation: Eines Tages stand auch ihr zweiter Sohn mit Springerstiefeln vor ihr. In diesem Moment war der Berlinerin bewusst, dass sie Hilfe braucht. Professionelle Hilfe. Aber wer unterstützt eine Mutter, die sagt: Ich habe zwei Söhne und beide sind in der rechten Szene.

Sabine Friedrich ist eine kleine, schmale, unauffällige Frau Mitte 40. Sie sieht müde aus. Das kann an der Kälte liegen und an der Dunkelheit. Oder daran, dass sie seit zehn Jahren um ihre Söhne kämpft – um Robert*, 24, und um Jakob*, 19. Sie will sie zurückholen aus der rechten Welt, in die die Jungs irgendwie geraten sind, zurück in ihre Welt, die wohlgeordnet und tolerant ist und frei von Ängsten und Gesinnungskrawallen. Sie will ihre Kinder zurückführen in einen ganz normalen Alltag.
»Das geht wieder vorbei«

Robert war in der Pubertät, als er sich eine Glatze schneiden ließ, plötzlich krachige, deutschtümelnde Musik hörte und ein übertriebenes Nationalbewusstsein entwickelte. Er kaufte T-Shirts und Jacken von Thor Steinar, dem Modelabel der rechten Szene. Sabine Friedrich begriff überhaupt nicht, was vor sich ging. Die Eltern waren gebildet und weltoffen, sie hatten gute Jobs und das Leben im Griff. Robert war auf dem Gymnasium, einer der Besten seiner Klasse. Seine Lehrer bescheinigten ihm einen überdurchschnittlich hohen IQ, mit ihm konnten sie diskutieren, über Geschichte und Politik. Anders als mit dem Rest der Klasse, der lieber in Ruhe gelassen werden wollte. Bei Robert spürten die Pädagogen Interesse an den Themen und eine Lust, sich damit auseinanderzusetzen. Und dann das: Der Junge entzog sich, er wechselte die Spur, die nicht in die Zukunft führte, sondern geradewegs in die Vergangenheit.

Verschiedenen Studien zufolge sollen inzwischen 35 Prozent der Jugendlichen in der Bundesrepublik rechtes Gedankengut in sich tragen, sie sind aber nicht organisiert und auch nicht kriminell. Diese Jugendlichen sagen offen, dass sie Ausländer und Juden hassen, sie leugnen die Verbrechen der NS-Zeit. Einige von ihnen, etwa zehn Prozent, sind aktiv in der Szene, in Jugendgruppen oder in Parteien wie der NPD. Sie managen Demos für »mehr Arbeit für Deutsche«, malen Plakate und verteilen Flugblätter »gegen Migranten, die die deutsche Kultur schädigen«. Die ganz Harten zünden Ausländerwohnheime an und zerstechen Autoreifen von Nachbarn mit Migrationshintergrund.

Die Lehrer können mir helfen, glaubte Sabine Friedrich damals. Die sind ausgebildet für viele Überraschungen, die das Leben bereit hält, auf jeden Fall sind sie nah dran an der Jugend, schließlich verbringen sie mehr Zeit mit den Mädchen und Jungen als manche Eltern. Aber Sabine Friedrich hört nur Sätze wie diese: Was, rechtes Gedankengut? Das gibt es nicht an unserer Schule! Und wenn schon, wir können wir schon tun? Wir haben einen Bildungs- und keinen Erziehungsauftrag. Beruhigen Sie sich, das ist nur eine Phase, das geht wieder vorbei.

Suche nach einer Ersatzfamilie
Bei Robert verging es nicht. Es hält bis heute an. Zwar nicht mehr so stark wie früher, er sieht auch nicht mehr aus wie jemand aus der rechten Szene. »Er begreift«, sagt seine Mutter, »er ist erwachsen geworden.« Jetzt studiert Robert.

Jüngere Studien belegen, dass die meisten Aussteiger aus der Szene noch lange danach rechtes Gedankengut tragen. Heute kann Sabine Friedrich mit Robert wieder reden. Lange Zeit ging gar nichts. »Unser gesamter Alltag war bestimmt durch dieses Thema«, sagt sie. Machmal haben Mutter und Sohn tagelang nicht miteinander gesprochen. Nicht einmal über so belanglose Dinge wie Essen oder Einkäufe. »Wenn ich in dieser Situation zum Jugendamt gegangen wäre, hätte man mir doch die Schuld gegeben und vielleicht noch die Kinder weggenommen.« In vielen Nächten lag Sabine Friedrich schlaflos in ihrem Bett und stellte sich immer diese eine Frage: Was habe ich falsch gemacht?

Warum gleiten Kinder, auch aus gutbürgerlichen Familien mit einem demokratischen Erziehungsstil, in die rechte Szene ab? Darüber gibt es zahlreiche Theorien. Birgit Rommelspacher, Professorin an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin und Autorin des Buches »Der Hass hat uns geeint«, beschreibt mehrere Faktoren: Freundeskreis, Musik, Kleidung, Abenteuerlust, Idealismus. Auch Großväter können mit ihren Erzählungen vom Krieg Jugendliche in die rechte Ecke treiben – wenn sie die Vergangenheit verklären und sich auf Kampfhandlungen und Technikbeschreibungen beschränken. Dann wirkt es wie ein Abenteuer. Doch die Familie sei nie allein ausschlaggebend, sagt Rommelspacher, meist spielten mehrere Komponenten zusammen. Nach einer neuen Studie, die die Universität Leipzig im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt hat, gelten 20 Prozent der Bevölkerung als rechts. Anderen Untersuchungen zufolge soll die Hälfte der Bundesbürger »Überfremdungsängste« haben.

Das schließt Sabine Friedrich für sich vollständig aus. Sie sagt: »Ich bin links orientiert.« Ihr Ex-Mann ist Mitglied der LINKEN. Sabine Friedrich hat nur Vermutungen darüber, was mit ihren Söhnen passierte. Als die Eltern sich vor Jahren trennten, war der Große oft beim Vater. Er hat zu ihm aufgesehen, er wollte ihn spüren, seine Kräfte mit ihm messen. Er wollte von ihm beachtet werden. Doch der Vater hatte viel Arbeit und war kaum zu Hause. »Du musst doch auch sehen, wie sich der Junge verändert«, warnte Sabine Friedrich ihren Ex. Nein, antwortete der, ich merke nichts. Vater und Mutter hatten das gemeinsame Sorgerecht. »Heute werfe ich mir vor, dass ich mich so habe abspeisen lassen«, sagt die Mutter.

»In den rechten Gruppen suchen die Jugendlichen eine Ersatzfamilie«, sagt Eva Prausner. Sie weiß , wie sich eine solche Suche auswirken kann. Sie ist Mitarbeiterin bei »Licht-Blicke«, einem Netzwerk für Demokratie und Toleranz. Man findet es in einer früheren Kita im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. Das Haus beherbergt verschiedene Vereine. Manchmal, wenn Eva Prausner länger im Büro ist, wummern harte Bässe durch den Plattenbau; dann treffen sich Jugendliche im Erdgeschoss zur Disko. Das stört die Sozialarbeiterin eigentlich nicht, aber wenn sie sich hier mit »den Frauen« trifft, hat sie es gern ruhig. Das, was sie erzählen, ist schon knallig genug. Sie haben das gleiche Problem wie Sabine Friedrich.

Eva Prausner war so etwas wie ein Glücksfall für Sabine Friedrich. Als die schon glaubte, allein zu sein mit ihren Sorgen und ihrer Scham, fand sie zufällig den Verein. Vor vier Jahren gründeten die beiden Frauen mit einigen anderen Müttern und Vätern die Initiative »Eltern gegen Rechts«. »Es ist wichtig, dass betroffene Eltern miteinander reden«, sagt Eva Prausner. Zur Zeit treffen sich regelmäßig acht Frauen aus Berlin. Aber es gibt Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet; die Selbsthilfegruppe ist landesweit die einzige, die sich so intensiv und so lange mit betroffenen Eltern beschäftigt. Manche Eltern kommen sogar aus Bayern her, andere besucht Eva Prausner vor Ort. Jetzt sind nur Mütter dabei, Familienarbeit bleibt nach wie vor den Frauen vorbehalten. »Männer wollen nicht lange reden, die wollen eine schnelle Lösung«, sagt Sabine Friedrich. Aber die gibt es nicht.

Was kann man betroffenen Eltern raten? »Ich habe meine Söhne nie aufgegeben«, sagt Sabine Friedrich. »Das war schwer, weil ich oft dachte: Das ist doch nicht mein Kind.« Trotz ihrer Zerrissenheit habe sie immer das Gespräch gesucht und nie mit Verboten reagiert. »Das ist wichtig«, meint sie. »Sonst entziehen sich die Kinder vollständig und die Eltern kommen nie wieder an sie heran.«
Ratgeber von Eltern für Eltern

Andere Eltern berichten, dass sie nicht anders konnten, als autoritär zu reagieren. Sie verboten Kleidung rechter Modelabels, schmissen CDs mit rechter Musik weg und rissen die Poster rechter Bands von den Zimmerwänden ihrer Kinder. Sabine Friedrich glaubt, dass das falsch ist. Sie sagt: »Wenn man so reagiert, fühlen sich die Kinder abgelehnt. Dann verliert man sie.«

Eva Prausner, Sabine Friedrich und die anderen Mütter haben jetzt eine Broschüre herausgegeben. Es ist bundesweit der einzige Ratgeber von Eltern für Eltern. Vorhandene Materialien von Experten erreichen Mütter und Väter oft nicht, weil sie an deren Erfahrungen vorbei geschrieben sind. Das 18-seitige Heft mit dem Titel »Eltern gegen Rechts« enthält neben den ersten Anzeichen, den Auswirkungen auf das Familienleben, den Reaktionen des Umfeldes und Überlegungen zu den Ursachen wichtige Tipps zum Umgang mit den Jugendlichen: Wie spricht man sie am besten an? Wie können Eltern sie trotz allem positiv beeinflussen? Im Anhang finden sich zahlreiche Kontaktadressen. Was fehlt, sind die eigenen Geschichten der Mütter. Darauf hätten sie bewusst verzichtet, sagt Sabine Friedrich: »Wir wollten nicht damit hausieren gehen.«

* Namen geändertDie Broschüre »Eltern gegen Rechts« ist zu beziehen über: Licht-Blicke Netzwerk für Demokratie und Toleranz, Ahrenshooper Straße 7, 13051 Berlin, Tel.: 030 / 992 705 55, www.elterngegenrechts.de

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