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Münsterländer Todeszüge

Posted by Botschaft - 26/01/2009

Wie das Münsterland von den Nazis »judenrein« gemacht wurde. Ein Katalog des Geschichtsortes Villa ten Hompel

Bürgerinitiativen erinnern mit dem »Zug der Erinnerung« an die Deportation der Juden und die Profite der Reichsbahn Foto: AP

Die Reichsbahn, »mit ihrem Transportaufkommen von einem Ende Europas zum anderen«, war, so der Historiker Raul Hilberg (1926–2007), ein »unerläßliches Element in der Vernichtungsmaschinerie« des faschistischen Regimes. Hilberg hatte das Archiv der zu dieser Zeit noch in Frankfurt/Main ansässigen Bundesbahndirektion besucht, um sich alte Streckenpläne der Reichsbahn fotokopieren zu lassen. Der hilfsbereite Archivar war zuvor bei der Reichsbahndirektion Oppeln tätig, in deren Bereich das KZ Auschwitz lag. Dort war er für den Signalbau an der Strecke zuständig, auf der die Todeszüge die zur »Behandlung« bestimmten Juden zu den Gasöfen transportierten. Natürlich kannte er auch den Diplomingenieur Hans Geitmann. Der war ab 1942 Präsident der Reichsbahndirektion Oppeln und rückte 1957 als gefragter Experte für zehn Jahre in den Vierervorstand der Deutschen Bundesbahn auf.

Angesichts solcher Kontinuitäten nimmt es nicht Wunder, daß sich die Nachfahren der Reichsbahn so viele Jahren über ihre bereitwillige Mitwirkung an den Deportationen der Juden und der Sinti und Roma in die Vernichtungsanstalten in Schweigen gehüllt haben. Erst vor einem Jahr, am 23. Januar 2008, stellte die Deutsche Bahn AG im Berliner Bahnhof Potsdamer Platz ihre Wanderausstellung »Sonderzüge in den Tod – Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn« vor.

Beginn vor 1933
Als sich im März letzten Jahres die westfälische Stadt Münster entschloß, die Bahnausstellung in die Stadt zu holen, waren sich die Mitarbeiter des »Geschichtsorts« Villa ten Hompel und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit einig, diese Ausstellung durch eine eigene Ausstellung zum Thema »Die Deportationen aus dem Münsterland« zu vervollständigen. Die Doppelausstellung fand im Gepäcktunnels des Hauptbahnhofs statt – von hier aus gingen laut Forschungsstand die Transporte aus dem Münsterland in den Osten.

Die Resonanz auf die Projektierung des Massenmordes des Regimes und der Rolle der Reichsbahn auf die »lokale Ebene«, war dem Geschichtsort ten Hompel Anlaß, zur örtlichen Ausstellung einen Katalog zu fertigen, der Ende 2008 erschien. Damit liegt ein bestürzendes Dokument darüber vor, wie sich im schwarzen Münsterland, wo allüberall die »Fahne zum Altar« weht, widerlichster Antisemitismus austobte – nicht erst beginnend mit dem Jahre 1933.

Mit dem Datum vom 21. August 1931 informierte z.B. der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Ochtrup den Ortsvorsteher über eine »schwere judenfeindliche Rede« auf einer Wahlveranstaltung der Faschistenpartei. Der Fabrikant Hendrik van Delden habe dort erklärt: »Sämtliche Juden müßten zusammengefaßt werden, mit Petroleum begossen und verbrannt werden…« Angefügt ist die hilflose Anmerkung: »Dagegen wird sich rechtlich nichts machen lassen…« Zehn Jahre und vier Monate später, am 13. Dezember 1941, ging von Münster aus der erste Transport mit aus der Region »zusammengefaßten« Juden auf die Reise über die »Zusteigebahnhöfe« Osnabrück und Bielefeld in das Ghetto von Riga.

Kooperation
Da hatte der braune Mob beim Novemberpogrom bereits 21 Synagogen und Betthäuser im Regierungsbezirk Münster zerstört. (Der in Münster residierende Kardinal Graf von Galen hatte es nach der Zerstörung der Synagoge zu Münster abgelehnt, eine um öffentliche Fürsprache bittende Delegation von Juden zu empfangen.) Da hatte der Münstersche Anzeiger schon triumphierend die »Säuberung« der Flußbadeanstalt an der Werse durch den zuständigen Verein gemeldet, »der seit seiner Gründung 1891 Juden als Mitglieder nie geführt hat« und »bei ihm erholungsbedürftige deutsche Menschen von zudringlichen Juden befreit bleiben«. Da hatte, das amtliche Schreiben ist im Katalog faksimiliert, die 72jährige jüdische Händlerin Sophie Aschenberg am 13. Januar 1939 bereits »ihrem Leben durch Einatmen von Leuchtgas ein Ende gemacht«. Der Protokollant vermerkt: »Als Grund für den Freitod ist Lebensüberdruß anzunehmen.«

Ein Foto vom 13. Dezember zeigt den aus dem Fenster der Lokomotive 93062 freundlich in die Kamera lächelnden Zugführer beim Zwischenaufenthalt in Bielefeld. Mit ihm gingen an diesem Tag 1031 Menschen, Kinder, Frauen und Männer auf die Reise. 102 Personen überlebten. Dokumentiert sind fünf weitere Transporte von Münster nach Theresienstadt. Zusammengetrieben, in die Waggons verfrachtet, auf der Fahrt in den Tod bewacht wurden sie von der »Ordnungspolizei«. Deren Schaltzentrale für das heutige Gebiet Nordrhein-Westfalen befand sich in der Villa ten Hompel. (Eine Dauerausstellung im Haus dokumentiert seit 2001 die Teilnahme der von hier aus in Marsch gesetzten Polizeibataillone an den Massenmorden in den besetzen Ostgebieten.)

Die »Evakuierung«, auch als »Abwanderung« deklarierte Deportation der Juden erfolgte nach einem (hier im Wortlaut nachzulesenden) im November 1941 bis in letzte ausgearbeiteten Plan in Kooperation von Oberbürgermeister, Gestapo und Polizeipräsident. Hier war der Raub des Vermögens der Opfer, der Verlauf der Transporte aus den umliegenden Städten und Gemeinden detailliert beschrieben. Fein säuberlich quittierten die Polizisten den Erhalt von 50 Reichsmark, die von den Opfern, ob Kind, Frau oder Mann für den Transport zu zahlen waren.

Andreas Determann/Matthias M. Ester/Christoph Spieker: Die Deportationen aus dem Münsterland – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Villa ten Hompel, Münster 2008, 194 Seiten, 15 Euro * ISBN 978-3-935811-03-3
Bezug: Geschichtsort Villa ten Hompel, 48145 Münster, Kaiser-Wilhelm-Ring 28, Tel.: 0251/4927101, Fax: 0251/4927918, E-Mail:
tenhomp@stadt-muenster.de

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