Antifaunited

Against increasing racism and the contempt for mankind in Germany and Europe, against Peoplephobie, against criticism prohibitions, against Nazis

Trotz alledem: Naziterroristen blieben in der Unterzahl!

Posted by Botschaft - 15/02/2009

Unter dem Motto »GehDenken« haben in Dresden Tausende Menschen gegen einen Nazi-Aufmarsch protestiert, mit dem die Erinnerung an die Zerstörung der Stadt am 13. Februar 1945 vereinnahmt werden soll und zu dem diesmal 6000 Anhänger kamen.

Wolfgang Stumph blickt von der Bühne auf dem Dresdner Theaterplatz auf die bunte Menschenmenge zwischen Semperoper, Zwinger und Schloss. Hier haben sich drei Demonstrationszüge getroffen, die das Bündnis »GehDenken« Stunden zuvor an verschiedenen Stellen in der Stadt in Marsch gesetzt hatte. Stumph blickt auf die Fahnen, Ballons und fröhlichen Gesichter und sagt einen Satz, der die Licht- und Schattenseiten dieses Februartages in Dresden zusammenfasst: »Der Ministerpräsident wäre stolz, könnte er das sehen.«

Sehen könnte der sächsische Regierungschef den bislang umfangreichsten Protest gegen den so genannten Trauermarsch, mit dem die rechtsextreme Szene seit 1999 versucht, das Gedenken an die Opfer der Zerstörung Dresdens durch alliierte Bomber am 13. / 14. Februar 1945 zu vereinnahmen. Über 12 500 Menschen, so schätzt der Dresdner DGB-Chef Ralf Hron, sind der Aufforderung eines Bündnisses namens »GehDenken« gefolgt, sich den Nazis in den Weg zu stellen. »Wir haben geschafft, was wir uns vorgenommen hatten«, sagt Annetta Kahane von der mitveranstaltenden Amadeo-Antonio-Stiftung: »Wir sind mehr als die Nazis.«

Wolfgang Stumphs knappe Anmerkung hat aber auch eine bittere Seite: Im Gegensatz zu Bundesprominenz von SPD, Grünen, LINKE und Gewerkschaften ist der sächsische CDU-Ministerpräsident an diesem Nachmittag nicht auf dem Theaterplatz, ebensowenig wie die CDU-Oberbürgermeisterin Helma Orosz. Sie hatte am Mittag zu einer separaten Veranstaltung geladen, einem schweigend absolvierten Spaziergang von der wieder aufgebauten Frauenkirche zum Neumarkt. Bei der Einweihung einer Erinnerungstafel an die dortige Verbrennung von 6000 Opfern der alliierten Bombardements fand Orosz zwar wie schon tags zuvor beim traditionellen Gedenken auf dem Heidefriedhof deutliche Worte: Man werde Versuche von Rechtsextremen nicht dulden, das Andenken an die Kriegsopfer zu »besudeln«, sagte Orosz und zitiert vor einigen hundert Zuhörern, viele davon CDU-Politiker, die Aufschrift der Tafel, wonach 1945 ein Krieg »in unsere Stadt zurückkehrte«, den zuvor Deutsche in die Welt getragen hätten – Sätze, mit denen die Rechtsextremen stärker als in früheren Jahren auf Distanz gehalten werden sollen.

Tatsache ist aber: Auch an diesem 14. Februar gehen die bürgerlichen und linksliberalen Demonstranten in Dresden getrennte Wege, während die rechte Szene geschlossen marschiert. Kameradschaften, NPD-Funktionäre, Altnazis sind auf den Beinen; der Marsch, der sich am Hauptbahnhof unter schwarzen Fahnen und mit Losungen wie »Gedenken an die Bombenholocaust-Opfer« oder »Gestern Dresden, heute Gaza« formiert, vereint nach Polizeiangaben 6000 Anhänger – mehr als anlässlich des 60. Jahrestags vor vier Jahren. Der düstere Zug, der sich langsam zwischen gut besuchten Kaufhäusern in der Innenstadt hindurchschlängelt, bekräftigt die Einschätzung von »GehDenken«, wonach es sich um den europaweit größten Nazi-Aufmarsch handelt. Von der NPD, die hinter den Anmeldern von der »Jungen Landsmannschaft Ostpreußen« der eigentliche Organisator ist, dürfte der Marsch als guter Auftakt im sächsischen Wahljahr empfunden werden. Wie um die Geschlossenheit zu bekräftigen und Meldungen über einen internen Machtkampf demonstrativ zu widerlegen, ließen sich NPD-Bundeschef Udo Voigt und sein Herausforderer Andreas Molau Seite an Seite neben Sachsens Fraktionschef Holger Apfel sehen.

Von den Protesten bekamen die aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Tschechien und der Slowakei angereisten Rechtsextremen wenig mit: Ein Großaufgebot von 4000 Polizisten schirmte sie von den Gegenveranstaltungen, zu denen auch eine 3500 Teilnehmer zählende Antifa-Demo unter dem Slogan »No pasarán« (Sie kommen nicht durch) gehörte, ab. Nur sporadisch gab es Protestrufe; die insgeheim von einigen Gegendemonstranten gehegte Idee, den rechten Aufmarsch zu blockieren, wurde durch die Polizeitaktik vereitelt.

Dennoch blieb den Besuchern der »GehDenken«-Veranstaltung die Genugtuung, zahlenmäßig überlegen gewesen zu sein und bundesweite Aufmerksamkeit auf das braune Spektakel gelenkt zu haben. Es handle sich schließlich »nicht um ein Dresdner, sondern um ein deutsches und europäisches Problem«, sagte Grit Hanneforth vom Kulturbüro Sachsen. Die Dresdner dürften mit dem Thema »nicht allein gelassen werden«, sagte auch Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Bundestages.

Um das zu verdeutlichen, waren prominente Politiker von LINKEN, SPD und Grünen sowie Gewerkschaftsvertreter nach Dresden gekommen. Auf der Abschlusskundgebung erklärte Gregor Gysi, der Fraktionschef der LINKEN im Bundestag, die Bomben auf Dresden seien schlimm gewesen und die Trauer sowie Verzweiflung berechtigt: »Heute wäre so etwas ganz klar völkerrechtswidrig.« Allerdings hätten sich die Alliierten in einem Verteidigungskrieg gegen den »Aggressor Deutschland« befunden, fügte Gysi hinzu. Man trauere um alle Opfer des Krieges, sagte SPD-Parteichef Franz Müntefering: »Aber wir wissen auch, wer ihn begonnen hat.« Der vom NS-Regime losgetretene II. Weltkrieg habe 60 Millionen Menschenleben gekostet, sagte DGB-Chef Michael Sommer. Neben Dresden dürften auch Städte wie Coventry, Rotterdam oder Kiew nicht vergessen werden: »Wir teilen unsere Trauer mit den Nazis nicht.«

Den Rechtsextremen müsse, darin waren sich die Redner einig, nicht nur die Deutungshoheit über die Geschichte verwehrt bleiben: Die »militante, aggressive NPD gehört endlich verboten«, verlangte Gysi. Müntefering forderte, diese zunächst aus Parlamenten zu verbannen. Die sächsischen Wähler rief er mit Blick auf die Landtagswahl am 30. August auf: »Macht die Sache klar, wählt sie raus!« Die »braune Soße« dürfe »keine Chance mehr haben«; darin müsse man sich auch mit den Parteien einig sein, die »heute hier nicht dabei sind«. Vielleicht zum letzten Mal, hofft Wolfgang Stumph: »Nächstes Jahr geht mehr.«

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