Antifaunited

Against increasing racism and the contempt for mankind in Germany and Europe, against Peoplephobie, against criticism prohibitions, against Nazis

»Das hätte ganz schlimm ausgehen können«

Posted by Botschaft - 19/02/2009

Nach Großdemo in Dresden: Eine weitere Nazi-Attacke auf heimreisende Antifaschisten wurde erst jetzt bekannt. Ein Gespräch mit Nico Wesser
Interview: Claudia Wangerin
Nico Wesser ist Vorsitzender der Jungsozialisten (Jusos) der SPD im Unterbezirk Nordsachsen.

Fast zeitgleich zum Neonazi-Überfall auf Gewerkschafter an einer Autobahnraststätte in Thüringen sind Sie am Wochenende in einem Regionalzug Zeuge einer weiteren Attacke von Rechtsextremen geworden. Was ist passiert?
Wir kamen von der Protestdemonstration gegen den Naziaufmarsch in Dresden und wollten mit dem Regionalexpreß vom Bahnhof Neustadt aus in Richtung Leipzig fahren. Die Polizei hat uns aber am Einsteigen gehindert. Das war vielleicht auch besser so, weil der Zug voller Neonazis war. Wir haben dann eine Stunde gewartet und den nächsten Zug genommen. In diesem waren leider auch zu einem erheblichen Teil Rechte, aber die Polizei hatte den Bahnsteig für uns nicht mehr gesperrt.

War Ihnen das Risiko nicht bewußt?
Da wir zu diesem Zeitpunkt einfach müde waren und nach Hause wollten, haben wir beschlossen, einzusteigen und uns unauffällig zu verhalten. Wir wollten uns einfach zu den normal aussehenden Fahrgästen gesellen und nichts tun, was als Provokation hätte aufgefaßt werden können. Das hat nur leider nicht funktioniert, weil die obere Etage des Zugs voll mit Neonazis besetzt war – sie waren deutlich in der Überzahl; und wir fanden nur in der Nähe einer Treppe Platz. Ich war auch etwas irritiert, daß überhaupt keine Polizei im Zug war.

Wie kam es zu der Auseinandersetzung?
Einige der Neonazis erkannten uns wohl als Teilnehmer der Gegendemonstration und fingen an, uns zu fotografieren und mit ihren Handys zu filmen. Für mich persönlich wäre das nicht so schlimm gewesen, weil es von mir ohnehin schon Fotos im Internet gibt. Aber einer jungen Frau aus Jena war das gar nicht recht, sie wehrte sich, sagte: »Ich will das nicht« und zückte schließlich ihr eigenes Handy, um ihrerseits die Neonazis zu fotografieren. Die wurden daraufhin sofort handgreiflich, packten zu mehreren die junge Frau und versuchten, ihren Kopf in Richtung Kamera zu drehen.

Wie haben Sie sich in dieser Situation verhalten?
Ich hielt meine Hand vor ihr Gesicht, um zu verhindern, daß sie gefilmt würde. Ihre Freundin wurde unterdessen von weiteren Rechtsextremen festgehalten. Wir wollten keine Gewalt und wären sowieso unterlegen gewesen. Die Angreifer waren in der Überzahl und haben einfach nicht locker gelassen. Deshalb kam es zu einem Handgemenge, in dem Fäuste flogen und Tritte ausgetauscht wurden. Das endete vorläufig damit, daß die beiden Frauen am nächsten Bahnhof von den Neonazis zum Aussteigen gezwungen wurden. Ebenso ein weiterer Mitfahrer aus unserer Gruppe, der die Neonazis aufgefordert hatte, damit aufzuhören. Diese drei Personen blieben dann unfreiwillig auf dem Bahnhof Priestewitz zurück. Beide Frauen waren durch Schläge verletzt und hatten Blutergüsse, sie trauten sich dann auch nicht mehr, mit dem folgenden Zug nach Hause zu fahren. Sie ließen sich privat mit dem PKW abholen.

Warum sind weder Sie noch die Opfer direkt danach zur Polizei gegangen?
Zu den beiden Frauen konnte ich keinen Kontakt mehr herstellen, ich kannte sie ja nicht; und wir hatten in dieser Situation keine Möglichkeit, unsere Telefonnummern zu tauschen. Mir war auch die strafrechtliche Brisanz nicht bewußt. Inzwischen hat mir die Bundespolizei erklärt, daß es meiner Beschreibung nach in jedem Fall Körperverletzung war. Gefährliche oder schwere Körperverletzung, auch wenn die Opfer nicht blutend aus dem Zug gestiegen sind.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Liane Deicke hat der Polizei vorgeworfen, die Rückreise der Neonazis nicht genügend abgesichert und damit andere Reisende gefährdet zu haben. Haben Sie das Gefühl, ins offene Messer gelaufen zu sein?
Das ist etwas drastisch formuliert, aber so kann man es ausdrücken. Wie gesagt, ich hatte mich auch gewundert, daß keine Polizei im Zug war, aber wir haben zu dem Zeitpunkt die Gefahr unterschätzt. Vielleicht war es auch Glück, daß der Zug in diesem Moment hielt. Sonst wäre das vielleicht noch ganz anders eskaliert. Einer der Neonazis sagte uns nach dem Rauswurf der drei noch »Wir stehen nicht so auf Zivilcourage!«. Das hätte ganz schlimm ausgehen können.

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