Antifaunited

Against increasing racism and the contempt for mankind in Germany and Europe, against Peoplephobie, against criticism prohibitions, against Nazis

Hilflose Reaktionen

Posted by Botschaft - 03/03/2009

Der Auftritt eines rechtsradikalen Sängers im Dresdner Landtag zeigt: Noch immer reagieren die meisten Abgeordneten hilflos auf die Propaganda der NPD

In seinen Liedern hetzt Frank Rennicke gegen Ausländer und Linke. Im Dresdner Landtag gab er den verfolgten Freiheitssänger Foto: Marko Prispe/spot

In seinen Liedern hetzt Frank Rennicke gegen Ausländer und Linke. Im Dresdner Landtag gab er den verfolgten Freiheitssänger Foto: Marko Prispe/spot

Seine Gitarre hat Frank Rennicke diesmal nicht dabei. Doch auch ohne Instrument präsentiert der in Neonazikreisen beliebte Liedermacher sein übliches Repertoire. Mit einem Potpourri aus Paranoia und Propaganda tritt er am vergangenen Donnerstag vor das Publikum. »Rock’n’Roll wurde gezielt als politische Umerziehung genutzt und ist spätestens seit den Beatles ein Konsumobjekt, mit dem eine Musikmafia unsere Kultur verdrängt hat«, sagt Rennicke unter anderem an diesem 26. Februar 2009 im schicken Plenarsaal des Dresdner Landtags. Die Tatsache, so Rennicke weiter, daß heute fast alle Hörfunkprogramme in Deutschland aus fremdsprachiger Popmusik bestehen, zeige das Ergebnis dieser mittlerweile 60 Jahre dauernder Umerziehung. Doch mit solchen Sätzen blamiert Rennicke nicht nur sich selbst, sondern offenbart – quasi als Zugabe – auch noch die recht kleine Welt der NPD.

Deren Landtagsfraktion in Sachsen, die vor den kommenden Wahlen im Freistaat eigentlich Kompetenz und Seriosität suggerieren möchte, hat Rennicke als Sachverständigen zum Thema Rock- und Popmusik ins Parlament gebeten. Hintergrund dieser Einladung ist eine Anhörung im Landtagsausschuß für Wissenschaft und Hochschule, Kultur und Medien, die von der Partei Die Linke beantragt wurde. Die Linkspartei-Abgeordneten möchten im Freistaat ein »Popbüro« einrichten, das eine Anlaufstelle für Künstler und Veranstalter werden soll. Ein seltsames Ensemble aus insgesamt acht Experten haben die im Landtag vertretenen Parteien deshalb aufgeboten, um sich beraten zu lassen.

Uns so referiert ein Bernd Schweinar, der sich »Bayerischer Rockintendant« nennt, über Musikförderung in Münster und Bochum sowie das »Stadt-Land-Gefälle in der Popmusik«. Dabei hantiert er mit unzähligen Diagrammen, die eigentlich niemand im Saal so richtig versteht. Der Sachverständige Sebastian Schwerk teilt mit, daß er nicht von Jugendkultur, sondern lieber von »Kreativwirtschaft« sprechen möchte und Konzertveranstalter Nico Tippelt warnt vor »staatlich bezahlten Schreibtischrockern«. Später klagt Steffen Peschel von der »Beatzentrale Dresden«, daß die Konzertzuschauer in der ganzen Diskussion vergessen werden. Irgendwann tritt auch Frank Rennicke ans Mikrofon.

Der Neonazi-Barde ist sichtlich nervös. Immer wieder blickt Rennicke prüfend Richtung Zuschauertribüne, während er seinen Text abliest. Eigentlich unnötig. Denn fast die Hälfte der etwa 80 Gäste im Landtag geben sich als Sympathisanten der NPD zu erkennen. Zu denen sagt Rennicke dann Sätze wie diesen: »Gewaltfrei, künstlerisch mit anspruchsvollen Texten und einer Prise Humor, ähnlich wie die Liedermacher Hannes Wader und Reinhard Mey, trete ich als Sänger mit der Gitarre auf und trage sozialkritische Lieder vor«. Später wird er die »Kulturfeindlichkeit der Linken« beklagen, die »Toleranz der Rechten« loben und von einer »Pogromstimmung gegen nationale Musiker« halluzinieren. Davon besonders betroffen, so Rennicke, sei der Sänger der Berliner Neonaziband »Lunikoff Verschwörung«, Michael Regener. »Hören Sie auf, aus unserer Heimat ein multikulturelles Musikhoheitsgebiet zu machen – oder wie es Ihr ehemaliger Justizminister Steffen Heitmann treffend nannte ›ein geistiges Gefängnis‹«, ruft Rennicke ganz am Ende den anderen Abgeordneten zu.

Denen bot Rennickes larmoyanter Vortrag eigentlich die einmalige Chance, die sächsische NPD-Fraktion bloßzustellen. So hätte man fragen können, ob auch Textzeilen wie »Fremdvölker raus, endlich wieder Herr im eigenen Haus«, die Rennicke in seinem »Heimatvertriebenenlied« reimt, zur »rechten Toleranz« zählen. Interessant wäre sicher auch eine Antwort von NPD-Mitglied Rennicke auf die Frage gewesen, warum seine Partei Neonazisänger Regener unterstützt, der ganz offen zum Mord an dunkelhäutigen Menschen aufgerufen hat. Auch die angebliche Repression gegen Rechtsrockkonzerte ließe sich leicht widerlegen. Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke (Die Linke) wurden von den über 160 im Jahr 2008 bekannt gewordenen Nazimusikveranstaltungen lediglich knapp 40 verboten oder aufgelöst. Ein Mitglied der Combo »Deutsch Stolz Treue«, die derzeit in Berlin vor Gericht steht – unter anderem weil sie »Juden als größte Gefahr für die Menschheit« bezeichnet hat – arbeitet in der Hauptstadt als verbeamteter Büroangestellter.

Doch keiner der Landtagsabgeordneten konfrontiert die NPD an diesem Donnerstag vormittag mit solchen Fakten. Statt dessen bemühen sich die Parlamentarier, Rennicke weitgehend zu ignorieren. Die Intention ist nachvollziehbar: Man will demonstrieren, daß die NPD keine normale Partei ist, sondern eine Ideologie vertritt, die gesellschaftlich geächtet wird. Allerdings ermöglicht dieses Vorgehen der Partei eben auch, sich als ausgegrenzte Minderheit zu inszenieren.

Selbst die wenigen Versuche, Rennicke und der NPD an diesem Tag Paroli zu bieten, wirken eher hilflos. Er scheue nicht die Wahrheit von der falschen Seite; denn auch wenn der Gegner sie ausspricht, werde diese Wahrheit in keiner Weise entwertet, erwidert etwa Steffen Heitmann (CDU) auf Rennickes Vereinnahmungsversuche. Welche Wahrheit er meint, bleibt im dunkeln. Julia Bonk von der Linksfraktion läßt sich anschließend zu einem müden Hinweis auf Rennickes Verurteilungen wegen Volksverhetzung hinreißen – und liefert dem rechten Barden eine Vorlage, um ein weiteres Mal den zu Unrecht verfolgter Freiheitssänger zu geben. »Das Bundesverfassungsgericht hat mich letztinstanzlich freigesprochen«, muß sich Bonk von ihm belehren lassen. Zu einer Erwiderung kann sie sich nicht mehr aufraffen. Das war’s dann auch. Nach drei Stunden gehen im Plenarsaal des sächsischen Landtags die Lichter aus. Frank Rennicke wirkt jetzt erleichtert. Schnell verläßt er den Saal. Vor dem Gebäude warten ein paar Neonazis auf ihr Idol.

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